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Die Wei­ne der Chorherren

Veröffentlicht von waltergrafik am

Stiftsansicht_cMichaelZechany

Genuss

Die Wei­ne der Chorherren

Seit sei­ner Grün­dung im Jahr 1114 betreibt das Stift Klos­ter­neu­burg Wein­bau und ist damit eines der ältes­ten Wein­gü­ter der Welt.

Es scheint, als wür­den Tausen­de Men­schen in vie­len Rei­hen Hand in Hand nebeneinander­stehen – wer an den Wein­gärten ent­lang auf Stift Klos­ter­neu­burg zufährt, den hei­ßen die Reben will­kom­men. Zu jeder Jah­res­zeit, im Win­ter kahl und beschei­den, im Früh­ling mit fri­schem Grün, im Som­mer im kräf­tig dunk­len Kleid und im Herbst gold­gelb leuch­tend. So untrenn­bar wie die Reb­stö­cke wir­ken, so eng ver­bun­den sind das Klos­ter und der Wein­an­bau und bei­de bli­cken bereits auf eine mehr als 900-jäh­ri­ge Geschich­te zurück.

Das Hoch­zeits­fest war in vol­lem Gan­ge, als ein Wind­stoß den Braut­schlei­er der Agnes ver­weh­te. Neun Jah­re spä­ter ent­deck­te ihn ihr Mann, Mark­graf Leo­pold III., unver­sehrt in einem Holun­der­busch und ließ an die­ser Stel­le den Grund­stein für Stift Klos­ter­neu­burg legen. – So die Legen­de zur Grün­dung des Klos­ters, in des­sen Schatz­kam­mer der Schlei­er besich­tigt wer­den kann – ein zar­tes Stück Stoff mit Flecht­spit­ze und Gold­plätt­chen, das wis­sen­schaft­lich unter­sucht und in das 12. Jahr­hun­dert datiert wur­de. Leo­pold hol­te die Augus­ti­ner Chor­her­ren, zu die­ser Zeit der moderns­te Orden der römisch-katho­li­schen Kir­che, nach Klos­ter­neu­burg und über­trug ihnen neben der Seel­sor­ge auch wis­sen­schaft­li­che und wirt­schaft­li­che Auf­ga­ben, zu denen auch der Wein­an­bau gehörte.

Mitt­ler­wei­le zählt das Wein­gut mit rund 30 Mit­ar­bei­te­rIn­nen und zahl­rei­chen Sai­son­ar­beits­kräf­ten zu den Wirt­schafts­be­trie­ben des Klos­ters, die mit ihren ver­schie­de­nen Geschäfts­fel­dern die öko­no­mi­sche Grund­la­ge für den Betrieb und die Erhal­tung des Stif­tes schaf­fen. Mit einer Reb­flä­che von 108 Hekt­ar zählt es zu den größ­ten und renom­mier­tes­ten Wein­gü­tern Öster­reichs. „Wir arbei­ten unter dem wach­sa­men Auge der Chor­her­ren, die ein gro­ßes Inter­es­se am Wein­gut haben“, erzählt Wein­guts­lei­ter Dr. Wolf­gang Hamm. „Jeden Mon­tag gibt es bei­spiels­wei­se eine Bespre­chung und im Früh­jahr steht der wich­tigs­te Ter­min des Jah­res an, dann wer­den die neu­en Wei­ne dem Kon­vent präsentiert.“

Der wohl­schme­cken­de Reben­saft war und ist eine der wich­tigs­ten Ein­nah­me­quel­len des Klos­ters. „Im Mit­tel­al­ter war der Wein ein noch viel wert­vol­le­res Gut als heu­te“, erläu­tert Dr. Hamm. „Er dien­te nicht nur lit­ur­gi­schen Zwe­cken und dem Eigen­be­darf, son­dern wur­de auch an die Königs­häu­ser ver­kauft. Im Archiv fin­den sich vie­le Rech­nun­gen – vom Wie­ner Hof bis zum Zaren von Russ­land.“ Heu­te hat der Export in die euro­päi­schen Län­der sowie nach Kana­da, Japan und Chi­na eben­falls eine gro­ße Bedeu­tung. Eine Viel­zahl an Gold­me­dail­len sowie Best­no­ten bei Bewer­tun­gen und in Wein-Gui­des zeu­gen von der hohen Qua­li­tät der Weine.

Pio­nier des Weinbaus

Unter der Ägi­de der Augus­ti­ner Chor­her­ren ent­wi­ckel­te sich das Wein­gut zu einem Pio­nier des Wein­baus in Öster­reich. Dem 48. Propst von Stift Klos­ter­burg, Chris­toph II. Mathäi, der sich inten­siv mit dem Wein­bau befass­te, ist es zu ver­dan­ken, dass die Wein­gär­ten nach den Tür­ken­krie­gen wie­der rekul­ti­viert wur­den. Einer sei­ner Nach­fol­ger ließ die leer­ste­hen­de Kir­che der Chor­frau­en als Press­haus umfunk­tio­nie­ren – seit 1722 ent­ste­hen und rei­fen die Wei­ne in einem ehe­ma­li­gen Got­tes­haus. Bereits im Jahr 1860 wur­de durch die Initia­ti­ve der Pries­ter­ge­mein­schaft die ers­te Wein­bau­schu­le der Welt in Klos­ter­neu­burg gegrün­det, die bis heu­te eine wert­vol­le Insti­tu­ti­on in For­schung und Leh­re ist.

Bei der Rebe ist wie beim Men­schen die Balan­ce ent­schei­dend – sie wird krank, wenn sie über­for­dert, aber auch, wenn sie unter­for­dert ist.

Auch eine neue Reb­sor­te haben die Augus­ti­ner Chor­her­ren in Öster­reich ein­ge­führt: den St. Lau­rent. Sie brach­ten die ers­ten Stö­cke aus dem Elsass mit und pflanz­ten sie in Klos­ter­neu­burg aus. „Prof. Fritz Zwei­gelt ent­wi­ckel­te 1922 aus dem St. Lau­rent und dem Blau­frän­ki­schen den nach ihm benann­ten Wein, der heu­te die wich­tigs­te rote Reb­sor­te unse­res Lan­des ist“, so der Wein­guts­lei­ter. „Der Zwei­gelt hat also eben­so einen direk­ten Bezug zu Stift Klosterneuburg.“

Bei den The­men Nach­hal­tig­keit und Kli­ma­schutz ist das klös­ter­li­che Wein­gut eben­falls ein Vor­rei­ter. Mit einer ein­drucks­vol­len unter­ir­di­schen Bio­mas­se-Anla­ge und dem scho­nen­den Umgang mit Res­sour­cen sowie dem Arbei­ten in mög­lichst geschlos­se­nen Kreis­läu­fen ist das Wein­gut seit 2009 als kli­ma­neu­tral zer­ti­fi­ziert. Das haus­ei­ge­ne Bio­mas­se-Kraft­werk ver­sorgt nicht nur Stift und Wein­gut mit Ener­gie, son­dern lie­fert noch zahl­rei­chen ört­li­chen Unter­neh­men Nahwärme

Wein­bau-Tra­di­ti­on seit 900 Jahren

Hand­ar­beit und Wissen

Trotz aller moder­nen Hilfs­mit­tel sind in den Wein­gär­ten vor allem viel Hand­ar­beit, Sorg­falt und Erfah­rung wesent­lich. Zu Beginn des Jah­res, im Janu­ar und Febru­ar, steht der Reb­schnitt im Mit­tel­punkt. Die Wein­stö­cke wer­den auf einen Trieb zurück­ge­schnit­ten. „Je nach­dem, wie vie­le Knos­pen am Reb­stock blei­ben, ent­schei­det man über den spä­te­ren Ertrag“, gibt Dr. Hamm Aus­kunft. „Hier ist die Aus­ge­wo­gen­heit wich­tig. Wie beim Men­schen darf man die Rebe nicht über‑, aber auch nicht unter­for­dern, denn bei­des macht sie krank. Schnei­det man bei­spiels­wei­se zu viel weg, steckt der Stock sei­ne gesam­te Kraft in eini­ge weni­ge Trau­ben, die Bee­ren wer­den sehr groß, dar­un­ter lei­det die Qualität.“

Mit der Zeit wer­den die nach­wach­sen­den Trie­be am Draht fest­ge­bun­den und die opti­ma­le Struk­tur der Laub­wand geschaf­fen. „Dabei ist eben­falls wie­der die Balan­ce wich­tig. Jedes ein­zel­ne Blatt soll genug Licht bekom­men, die Trau­ben­zo­ne gut durch­lüf­tet wer­den.“ Im Lau­fe der Mona­te müs­sen immer wie­der Trie­be manu­ell geschnit­ten oder ein­zel­ne Trau­ben ent­fernt wer­den. Zwi­schen den Reben sorgt ein Mix aus ver­schie­dens­ten Pflan­zen dafür, dass die fei­ne frucht­ba­re Erde im Wein­gar­ten bleibt und Insek­ten ange­lockt wer­den. Regel­mä­ßi­ge Ana­ly­sen der Böden kon­trol­lie­ren das Nähr­stoff­an­ge­bot. „Unser Ziel ist es, dass die Reb­stö­cke mög­lichst tief wur­zeln“, so der Wein-Exper­te. „Das macht sie zum einen gegen­über Tro­cken­heit wider­stands­fä­hi­ger, zum ande­ren erhal­ten die Trau­ben dadurch die Mine­ral­stof­fe der ver­schie­de­nen Schich­ten. Die Beschaf­fen­heit des Bodens und das Wet­ter ent­schei­den, ob es ein gro­ßer Wein wird.“

Eine der größ­ten Gefah­ren für die Reben ist mit der Kli­ma­ver­än­de­rung ver­bun­den, einem The­ma, mit dem man sich in Klos­ter­neu­burg bereits seit mehr als einem Jahr­zehnt beschäf­tigt: „Die kla­ren Mus­ter der Jah­res­zei­ten lösen sich auf und extre­me Wet­ter­ereig­nis­se neh­men zu“, meint Dr. Wolf­gang Hamm. „Wenn die Reb­stö­cke früh­zei­tig aus­trei­ben und dann noch­mals ein Frost kommt, haben wir kei­ne Mög­lich­keit, der Pflan­ze zu hel­fen, dann ist die gan­ze Mühe umsonst. Das wird eine der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen der nächs­ten Jah­re werden.“

High­tech im his­to­ri­schen Gewölbe

Die schöns­te, aber auch anstren­gends­te Zeit für den Wein­guts­lei­ter und sein Team ist der Herbst, wenn sie das Ergeb­nis ihrer Arbeit ern­ten. Bei der Lese und Wei­ter­ver­ar­bei­tung der Trau­ben wird eben­so viel Fin­ger­spit­zen­ge­fühl an den Tag gelegt wie bei den Schrit­ten zuvor: die Früch­te wer­den von Hand geern­tet und in klei­nen Kis­ten ins Press­haus gebracht. Im ein­zig­ar­ti­gen Ambi­en­te der ehe­ma­li­gen Kir­che macht sich der Reben­saft auf sei­nen Weg zum köst­li­chen Getränk. In den rie­si­gen baro­cken Kel­ler­ge­wöl­ben sor­gen moderns­te Gerä­te für die indi­vi­du­ell für jede Sor­te opti­mier­te Verarbeitung.

Die baro­cken Keller­gewölbe kön­nen bei Füh­run­gen und Ver­an­stal­tun­gen rund um den Wein besucht werden.

Wer auf eine Wein­kel­ler-Tour in Stift Klos­ter­neu­burg geht, muss tief in die Gewöl­be hin­ab­stei­gen. Über­di­men­sio­nal brei­te Trep­pen füh­ren vier Eta­gen nach unten. 36 Meter unter dem Stift­s­platz, umge­ben von neun Meter dicken Mau­ern ruhen im Bar­ri­que-Kel­ler die gro­ßen Rot­wei­ne des Stifts. Gegen­über den Aus­ma­ßen die­ser his­to­ri­schen Kel­ler­an­la­ge wir­ken die 225-Liter-Fäs­ser zier­lich, wie in einem rie­si­gen Tun­nel kommt sich der Besu­cher win­zig vor. Das Fas­zi­nie­ren­des ist jedoch die sau­be­re kla­re Luft. „Wir haben hier ein natür­li­ches Lüf­tungs­sys­tem“, erläu­tert Dr. Hamm. „Nach zwei­ein­halb Metern Mau­er, gibt es einen Hohl­raum, der bis zu den Kai­ser­ap­par­te­ments im Stift führt, dadurch beträgt die Tem­pe­ra­tur hier unten das gan­ze Jahr über kon­stant 13 Grad. Die­ses Sys­tem läuft ohne Ener­gie­auf­wand, war­tungs­frei seit 300 Jah­ren. Als wir vor eini­ger Zeit in einem erwei­ter­ten Teil eben­falls die­se Metho­de ein­füh­ren woll­ten, konn­te uns kein Exper­te sagen, wie man dies zustan­de bringt. Das Wis­sen ist lei­der ver­lo­ren gegan­gen und wir muss­ten eine moder­ne Kli­ma­an­la­ge ein­bau­en lassen.“

Geret­tet wur­de – dank des Wei­nes – glück­li­cher­wei­se eines der bedeu­tends­ten Kunst­wer­ke des Mit­tel­al­ters: der Ver­duner Altar. Fili­gra­ne Figu­ren erzäh­len auf 51 Tafeln in glän­zen­dem Gold auf blau­em Grund Geschich­ten aus dem Alten und Neu­en Tes­ta­ment – ein Meis­ter­werk, an dem der Gold­schmied Niko­laus von Ver­dun ein Jahr­zehnt lang arbei­te­te. 1330 droh­te der welt­weit ein­zig­ar­ti­ge Altar ein Raub der Flam­men zu wer­den. Als das Lösch­was­ser aus­ging, tränk­te man Tücher mit Wein, brei­te­te sie über die Email­ta­feln in der Kir­che und schütz­te so ein wert­vol­les Kul­tur­gut, das heu­te noch im Stift Klos­ter­neu­burg bewun­dert wer­den kann.

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