Pilgern – ein Selbstversuch - Klösterreich
 

Pilgern – ein Selbstversuch

Auszeit

Pilgern – ein Selbst­versuch

Auf einer Klösterreich-Pressereise in der Steiermark ließen sich Journalistinnen aus Deutschland auf das Abenteuer Pilgern ein.

Es ist noch recht früh am Morgen, als wir Stift Rein verlassen. Links leuchtet die Wiese in sanftem Grün, rechts begleiten uns ein Stück weit die starken Mauern der Zisterzienserabtei. Der Kies knirscht unter den Wanderschuhen – unsere Schritte erzeugen den ersten Rhythmus des Tages. Die Worte von Pater Martin hallen in mir nach „Schütze sie vor den Gefahren des Weges, lasse sie glücklich an ihr Ziel gelangen“ – der Prior von Stift Rein verabschiedete unsere kleine Gruppe mit dem Pilgersegen. Unser Selbstversuch beginnt … Was macht die Faszination des Pilgerns aus? Warum packen immer mehr Menschen ihren Rucksack und sagen mit Bestseller-Autor Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg“? – Wir wollen nachspüren, was das Unterwegssein mit einem macht – fern vom Alltag, fern von Verpflichtungen. Zum Start haben wir eine kurze Etappe gewählt und gehen vom ältesten Zisterzienserkloster der Welt zum „Steirischen Steffl“, der Wallfahrtskirche Maria Straßengel.

Beim Anstieg im Wäldchen liegen plötzlich zwei Pfade vor uns – einer breit, mit Unkraut überwuchert, der andere schmal nach oben strebend. An den Stämmen der Bäume kein Wegweiser, keine Markierung, auf die uns Pilgerbegleiter Karl zuvor hingewiesen hatte. Da blinkt plötzlich weiter oben etwas durch die Zweige – ein modernes Betonkreuz mit Mosaik – der Kreuzweg führt also den steileren Weg hinauf. Hinschauen und Wahrnehmen helfen bei der Orientierung, beim Zurechtfinden. Im Hier und Jetzt sein. Wer vor sich hinplappert, die Umgebung nicht registriert, nimmt leicht die falsche Abzweigung.

Zusammenhalten

Mal bergauf, mal bergab – die Strecke ist abwechslungsreich und wiederholt bleiben wir kurz stehen, um die Aussicht zu bewundern: das geschwungene Dunkelgrün der Berge, getupft mit hellgrünen Flecken. Ab und an entdecken wir auch unser Ziel, noch weit entfernt wirkt es wie ein Miniaturmodell. „Wir werden die Kirche Maria Straßengel öfter sehen, mal zu unserer rechten, mal zur linken Seite“, hat uns Karl beim Aufbruch eingestimmt. Auch wenn der Weg hin und wieder einen Bogen macht – das Ziel bleibt im Fokus.
Als es einen Hang hinuntergeht, der durch den Regen der vergangenen Tage etwas matschig ist, sind Hilfsmittel gefragt. Wir nutzen Wanderstöcke und Baumstämme, um uns abzustützen, reichen uns gegenseitig bei steilen Passagen die Hände und bewältigen ohne Schwierigkeiten dieses Hindernis.

Was macht die Faszination des Pilgerns aus?
Warum packen immer mehr Menschen
ihren Rucksack und sagen mit
Bestseller-Autor Hape Kerkeling
„Ich bin dann mal weg“?

Bei unserer Rast auf einer kleinen Lichtung inmitten des Buchenwalds fällt mir auf, dass ich schon lange nicht mehr auf mein Handy geschaut, keine Nachrichten gecheckt habe – und erstaunlicherweise ist mir das auch völlig egal. Alles, was morgens noch auf meiner To-Do-Liste war, ist weiter weg als die kleine Kirche, die in der Ferne erkennbar ist. Dagegen schenke ich Kleinigkeiten am Wegesrand besondere Beachtung: lila Blütchen zwischen Efeuranken am Boden, Pilzen, die zwischen den Wurzeln der Bäume hervorlugen, den Geräuschen des Waldes … es ist, als ob alle meine Sinne geschärft sind. Ich spüre das federnde Moos unter meinen Füßen, genieße den leichten Wind, der über mein Gesicht streicht, höre das Zwitschern des Vogelnachwuchses und atme die erfrischend feuchte Luft. Und alles ist einfach nur schön!

Schauen, Fühlen, Träumen

Ich erinnere mich an den Rat von Pater Thomas von Stift Heiligenkreuz: „Ich empfehle den Pilgernden, sich auf den Weg einzulassen und die Zeit auch zu genießen. Man nimmt die Natur ganz anders wahr.“ Und beginne zu verstehen, dass man sich beim Unterwegssein – zu Fuß und nur mit den nötigsten Dingen ausgestattet – auf das Wesentliche konzentriert. Abseits der alltäglichen Ablenkungen hat man plötzlich Zeit, die Umgebung intensiv wahrzunehmen. Wer bleibt schon mitten im Verkehrsgetümmel auf der Straße stehen, um eine Blume zu bewundern oder dem Spiel der Wolken am Himmel zuzuschauen? Doch beim Pilgern hat man diese Möglichkeit. Und durch die beständige Bewegung, die vielen neuen Sinneseindrücke, ändert sich auch die Gedankenwelt. Alles, was einem im täglichen Trott so wichtig erscheint, verliert an Bedeutung. Man ist frei, seinen Wünschen und Träumen nachzuhängen, mit sich selbst auszumachen, was wirklich zählt …

Bei mehrtägigen Pilgertouren intensiviert sich dieses Erlebnis. Ein sehr beliebtes Ziel dabei ist Mariazell. Aus allen Himmelsrichtungen führen Wege zu Österreichs bedeutendstem Wallfahrtsort. Die Mönche des Stiftes Sankt Lambrecht gründeten Mariazell 1157 und kümmern sich seither um die Basilika und die zahlreichen Besucherinnen und Besucher. Ca. 225 km lang und in zehn Tagesetappen aufgeteilt ist der Mariazeller Weg 06 durch die Steiermark. Ein kleines Stück davon gehen wir bei unserer Tour auf den Schöckl, heute Hausberg der Grazer, früher Götterberg der Römer. Aktuelle archäologische Grabungen brachten auf dem 1.445 Meter hohen Gipfel bunte Glasperlen, Ringe und Armreifen und die Reste eines großen Kultbaus zum Vorschein. Funde, die zeigen, dass die Menschen bereits in der Römerzeit den Schöckl als Höhenheiligtum aufsuchten. Pilgern hat eine lange Tradition und liegt heute wieder absolut im Trend

Hinweise sehen, den Weg erkennen

Als wir den Gipfel erreichen, sehe ich eine Schiefertafel, auf die jemand mit Kreide ein Zitat von Mark Twain geschrieben hat: „Das Geheimnis des Vorwärtskommens besteht darin, den ersten Schritt zu tun.“ Ich habe meine erste Pilger-Erfahrung gemacht, die Faszination des Pilgerns gespürt und auf jeden Fall Lust, den nächsten Schritt zu tun.

Sicher begleitet

Karl Paar ist seit 2017 zertifizierter Pilgerbegleiter und begleitet ehrenamtlich Gruppen auf ihren Touren durch die Steiermark.

Dank Mariazell, dem bedeutendsten Wallfahrtsort Österreichs, zu dem ein großes Wegenetz führt, sowie zahlreichen weiteren Basiliken und einigen Klöstern ist die Steiermark ein beliebtes Ziel für Pilgernde. Mit einer schönen, abwechslungsreichen und nicht zu steilen Landschaft eignet sich das österreichische Bundesland optimal für Wanderungen – zu jeder Jahreszeit und auch für alle, die das Pilgern einmal ausprobieren wollen.

Wie wird man Pilgerbegleiter?

Karl Paar: Ich habe eine neunmonatige Ausbildung beim Katholischen Bildungswerk der Diözese Graz-Seckau absolviert, die sehr umfangreich und ausführlich war und die verschiedensten Themen beinhaltete. Wir haben beispielsweise gelernt, wie man eine Tour vorbereitet und organisiert, eine Gruppe führt und leitet, hatten Wetterkunde und wurden in das Rettungswesen eingeführt. Wir lernten Karten richtig zu lesen und zu navigieren, erfuhren viel über die Geschichte des Pilgerns und bekamen Input für geistliche Impulse und zur seelsorglichen Wegbegleitung. Auch rechtliche Grundlagen, die richtige Ausrüstung, Kommunikation und die religiösen Aspekte waren wichtige Inhalte.

Was sind die Aufgaben eines Pilgerbegleiters?

Karl Paar: Das kommt ganz darauf an, was die jeweilige Gruppe verlangt. Manche nennen mir den Start- und Zielpunkt, den Termin und wie lange sie unterwegs sein möchten und ich organisiere dann alles – von der An- und Abreise über die Tagesetappen und Unterkünfte bis zu einem Plan B und evtl. benötigten Transfers. Andere sorgen selbst für die komplette Organisation und möchten von mir nur begleitet werden und die eine oder andere Andacht oder Impulse auf dem Weg. Da ich als Ersthelfer ständig Kurse mache, bin ich bei einem Notfall routiniert und erfahren. Sehr viele Gruppen fühlen sich deshalb auch sicherer, falls wirklich einmal etwas passieren sollte und sich jemand beispielsweise unterwegs verletzt. Grundsätzlich gehe ich jede Strecke vorab vor, so dass ich genau weiß, was uns erwartet.

Welche Gruppen begleiten Sie?

Karl Paar: Das ist ebenfalls ganz unterschiedlich. Es gibt Firmgruppen, Menschen, die zum Sonnenaufgangs-Pilgern mitkommen, Sportvereine, befreundete Paare, die gerne gemeinsam wandern und viele Gruppen sind einfach bunt gemischt, da melden sich beispielsweise Pensionisten oder Ehepaare an, die gerne mal nach Mariazell oder zu einem anderen Ziel gehen möchten.

Welche Größe ist für eine Pilgergruppe optimal?

Karl Paar: Grundsätzlich begleite ich auch zwei Leute, schöner ist es, wenn so drei bis fünf Leute Minimum dabei sind. Damit die Gruppe überschaubar bleibt und jeder – ob schnell oder langsamer – ein schönes Erlebnis hat, liegt die Obergrenze bei zwölf bis 15 Teilnehmenden. Je größer die Gruppe wird, umso schwieriger wird es zudem, geeignete Unterkünfte zu finden und umso länger dauert alles.

Pilgern rund um Stift Rein

Rund um das älteste ­Zisterzienserkloster, das sich 15 km nördlich von Graz befindet, gibt es zahlreiche Pilgerwege. Zwei Beispiele:

Stift Rein und die Wallfahrtskirche Maria Straßengel sind seit Jahrhunderten beliebte Pilgerstätten und eng miteinander verbunden. Markgraf Leopold I. holte die Zisterzienser 1129 nach Rein, um sich die Kompetenz der Mönche im Acker- und Weinbau zu sichern, und gründete das Kloster, das viel zur Geschichte und Entwicklung der Steiermark beigetragen hat. Sein Sohn Ottokar III. brachte mehrere Jahre später von einer Wallfahrt nach Palästina ein Marienbild mit, das er dem Stift schenkte – unter der Voraussetzung, das es öffentlich gezeigt und verehrt werden kann. Dafür wurde die Kirche Maria Straßengel auf einem Hügel errichtet, die – so wie sie heute zu sehen ist – Mitte des 14. Jahrhunderts fertiggestellt war und als einer der schönsten hochgotischen Sakralbauten Österreichs gilt.


Beliebtes Pilgerziel seit Jahrhunderten: Maria Straßengel, der „Steirische Steffl“. 

Sie wird der Wiener Bauhütte zugeschrieben, die auch für den Stephansdom in Wien verantwortlich war und deshalb gerne „Steirischer Steffl“ genannt. Jahrhundertelang war Maria Straßengel ein so bedeutender Wallfahrtsort, dass stets sechs Mönche dort lebten, um die vielen Messen lesen zu können. Wer sie besichtigt, dem offenbart sie zahlreiche Kostbarkeiten in ihrem Inneren. Beispielsweise die erhalten gebliebenen mittelalterlichen Glasmalereien der Chor- und Südfenster, die barocken Gemälde des Kremser Schmidt, die eindrucksvolle Bildgeschichten erzählen, und das 18 Zentimeter große Wurzelkreuz. Letzteres zeigt den gekreuzigten Jesus und scheint völlig natürlich gewachsen. Selbst modernste Untersuchungen konnten bisher keinerlei Schnitzspuren daran nachweisen.
Strecke: ca. 10 km, 300 m Aufstieg, 300 m Abstieg

Etappe auf dem Weg: die Basilika Mariatrost auf dem Purberg in Graz.

Der bedeutendste Wallfahrtsort Österreichs ist Mariazell, seit mehr als acht Jahrhunderten kommen Menschen in den beschaulichen Ort in der Steiermark. Pilgerwege führen aus allen Himmelsrichtungen dorthin, das weit verzweigte Wegenetz ist einmalig in Mitteleuropa und wird jährlich von mehr als einer Million Pilgernden genutzt. Als einer der Knotenpunkte der Mariazeller Wege gilt Graz. Eine Tagesetappe des Mariazeller Weges 06 führt über die Basilika Mariatrost, die sich auf dem Purberg in Graz befindet. 216 Stufen führen hinauf zu ihr – eine Art Himmelsleiter, die Angelusstiege. Wer die Basilika betritt, entdeckt sofort die Marienstatue, die – von goldenen Strahlen umringt – den Altar prägt. Die Gnadenstatue stammt aus Stift Rein und trug durch zahlreiche Wunder, die mit ihr in Verbindung stehen sollen, dazu bei, dass Mariatrost bei Hilfe und Trost Suchenden sehr beliebt ist. Ausgangspunkt für die Besteigung des Schöckl, dem Hausberg der Grazer, ist der heilklimatische Kurort St. Radegund. Mit seinen Quellenwegen, die Impulse zur Wasser- und Kräuterheilkunde von Pfarrer Kneipp geben, und dem barocken Kalvarienberg ist St. Radegund selbst bereits eine Sehenswürdigkeit. Von der Talstation der Schöckl-Seilbahn wandert man durch Wald die ca. 650 Höhenmeter auf den Schöckl und folgt damit einer langen Reihe von Pilgernden. Aktuelle Funde auf dem Gipfel zeigen, dass die Menschen bereits in der Römerzeit auf den Berg stiegen, um dort Gaben für die Götter zu platzieren.
Strecke: 6. Tagesetappe Mariazeller Weg 06: ca. 34 km, 1.620 m Aufstieg, 1.351 m Abstieg (von Mariatrost über Rinnegg, St. Rade­gund, Schöckl, Arzberg bis nach Passail)

Weitere Pilger-Möglichkeiten und Infos unter www.steiermark.com