Meine Kunst ist Lobpreis für Gott - Klösterreich
 

Meine Kunst ist Lobpreis für Gott

Kultur

“Meine Kunst
ist Lobpreis für Gott”

Pater Raphael ist im Stift Heiligenkreuz der Künstlermönch. Aus Naturmaterialien schafft er zauberhafte Wesen, die in Bronze gegossen werden – zur Ehre Gottes.

Behutsam lüftet Pater Raphael die dünne weiße Kunststofffolie, die sich über den Tisch wölbt. Darunter kommt ein wirrer Haufen zum Vorschein: Stücke von Baumrinde, manche gebogen, abgesplittert, mit Löchern, die Außenseiten rau und verwittert, teilweise mit Flechten und Moos überzogen, die Innenseiten heller. Das ist sein Schatz?

„Die großen Platanen im Stiftshof verlieren immer wieder Teile ihrer Rinde“, erzählt Pater Raphael, „ich muss mich einfach danach bücken und sie aufheben, wie ein Kind, das am Strand Muscheln sammelt.“ Ebenso spielerisch geht der Zisterzienser dann in seinem Atelier daran, die verschiedenen Stücke zu kombinieren, sie aneinander- und zu einer neuen Form   zusammenzusetzen. „Es ist ein sehr kontemplatives Arbeiten, ich versenke mich zutiefst
in die einzelnen Teile, die nicht von Menschenhand geformt sind, sondern durch Wachsen und Werden entstehen.“ Herauskommen wunderschöne filigrane Figuren, meist Vögel, die realistisch und unwirklich zugleich wirken, faszinierende Geschöpfe mit großer Ausdruckskraft, stimmig bis ins kleinste Detail. Ergebnisse, die den Künstlermönch selbst überraschen und in Erstaunen versetzen. „Der Schweif dieses Pfaus aus dem langen Rindenstück hat eine unglaubliche Power, der Körper eine schöne Eleganz, die starke Vogelseele, die darin steckt, wird sichtbar.“ Das Lob für diese gelungenen Kunstwerke gibt Pater Raphael weiter.

„Die Dinge, die ich in der Natur sehe, sind an Originalität und Individualität nicht zu toppen, ich schöpfe aus Gottes Natur, darin liegt der Zauber der Figuren. Ich bestimme nicht alles selbst, sondern werde durch die Natur-Elemente stark geführt. Je mehr ich mich darauf einlasse, umso freier werde ich, umso besser wird die Arbeit, umso origineller das Werk.“

Heiliges Spiel: aus Rindenstücken zusammengesetzt und in Bronze gegossen entsteht aus Altem eine neue Figur.

Das Ganze ist für den Künstlermönch ein „heiliges Spiel“, bei dem sein Partner Gott ist, der ihm die Bälle zuwirft. Aus etwas Altem, Abgestorbenem entsteht dabei ein neuer Zusammenhang, eine neue Gestalt. Für Pater Raphael, der bereits 32 Jahre Berufserfahrung hat, ist das eine neue Dimension als Künstler. „Picasso sagte einmal, dass es ein Leben lang dauert, um zu lernen, wieder wie ein Kind zu malen. Diese glückliche Erfahrung mache ich seit einigen Jahren und empfinde große Freude und Begeisterung für die Dinge, als würde ich sie zum ersten Mal sehen und erkunden“, erläutert der Zisterzienser die neue Stufe, die er als Künstler erreicht hat. „Ich gehe auf Entdeckungsreise wie ein Forscher und trete dabei in einen Dialog mit Gott, der die Natur wachsen lässt, das ist ein sehr spannender Prozess. Ich lerne meinem Schöpfer immer mehr zu vertrauen und mit Gelassenheit an die Arbeit zu gehen, ich weiß um meine Grenzen, aber durch dieses Spiel kommt es dank Gottes Hilfe zu einer Übersteigerung.“

Mit Kunst abgeschlossen

Dabei war der Bildhauer bei seinem Eintritt ins Kloster vor 16 Jahren fest entschlossen,
die Kunst aufzugeben. 1958 in Kleinmachnow bei Berlin geboren, lebte und arbeitete Wilfried Statt als freischaffender Künstler in Berlin-Brandenburg und hatte Lehraufträge an mehreren Kunstschulen. Trotz seiner Heimat seit Kindheit an gläubig,

Das Ganze ist für den Künstlermönch ein „heiliges Spiel“, bei dem sein Partner Gott ist, der ihm die Bälle zuwirft.

machte er bereits als Jugendlicher und später als Student erste religiöse Erfahrungen. „Als 14-Jähriger habe ich einmal die Vesper bei den Marienschwestern miterleben dürfen und gespürt, dass die Ordensfrauen einen großartigen Draht zu Gott hatten. Während des Studiums an der Kunsthochschule habe ich mich mit einem Porträt von Mutter Teresa beschäftigt und viel über ihr Leben und ihre Berufung erfahren. Die Liebe zu Gott und der Wunsch, ins Kloster einzutreten, wuchsen in mir. Aber damals saß ich noch zu fest im Sattel der Bildhauerei“, erinnert sich der heute 63-Jährige. Ein Besuch beim Chorgebet der Prämonstratenser war schließlich ausschlaggebend für seine Entscheidung, das Leben künftig im Kloster zu verbringen. „Als die Psalmen gesungen wurden, ist mir so das Herz aufgegangen, habe ich die Liebe Gottes so stark gespürt und war so ergriffen, dass mir die Tränen gekommen sind. Meine Künstlerkollegen haben mich gewarnt, aber meine Sehnsucht, in einer Gemeinschaft Gott zu preisen, war so stark, dass ich auch mit der Kunst abgeschlossen hatte.“

Mit 47 Jahren ein Spätberufener: Der Künstler Wilfried Statt trat 2005 ins Stift Heiligenkreuz ein und hat die Website www.kuenstler-moench.com

Diesen Mut zur Veränderung hat Pater Raphael nie bereut und vermisst auch nichts aus seinem alten Leben. Nachdem er sich im Stift Heiligenkreuz und in den Tagesablauf der Mönche eingelebt hatte, bat ihn der damalige Abt, wieder künstlerisch tätig zu werden und sein Talent für die Gemeinschaft einzubringen. Besucher des Zisterzienserklosters
im Wienerwald können einige dieser Werke bewundern – die riesige, in warmen Tönen leuchtende Glaswand „Himmlisches Jerusalem“ in der Hochschule beispielsweise oder die Statue von Papst em. Benedikt XVI. vor dem Eingang der modernen Priesterausbildungsstätte. Beim alljährlichen Klostermarkt im Mai gibt es auch viele der phantastischen Bronzefiguren von Pater Raphael zu sehen und zu kaufen. Kunstinteressierte können den Künstlermönch auch in seinem Atelier besuchen. „Wenn ich durch meine Kunst dazu beitragen kann, dass sich die Menschen auf die wunderbare Formenwelt der Natur einlassen, ist mir das eine große Freude.“ Mit einer kleinen Blumen-Sprühflasche befeuchtet Pater Raphael seine gesammelten Rindenstücke, damit sie nicht austrocknen, und deckt die Folie wieder über das Material, das ihm wertvoll wie „Gold und Edelsteine“ ist und das man oft tausendfach am Weg liegen lässt.