Erholung von der lauten Welt - Klösterreich
 

Erholung von der lauten Welt

Per­sön­lich

Erholung von der lauten Welt

Die Kar­rie­re von Olym­pia­sie­ger Toni Innau­er, der heu­te Key­note-Spea­ker ist und Unter­neh­men zeigt, was sie vom Spit­zen­sport ler­nen kön­nen, ist eng mit Stift Stams in Tirol verbunden.

Hell strahlt das Son­nen­licht von den wei­ßen Mau­ern zurück, die Stein­bank vor dem Brun­nen bie­tet einen von der Wär­me des Herbst­ta­ges ver­wöhn­ten Sitz­platz. Das ste­ti­ge Plät­schern des Was­sers, das Flir­ren der Bie­nen um die blü­hen­den Bee­te und die alle Vier­tel­stun­de erklin­gen­de Kir­chen­glo­cke sind die ein­zi­gen Geräu­sche im Innen­hof des Stif­tes Stams. Die Welt drau­ßen ist weit ent­fernt – mit all ihrem Lärm, ihrer Hek­tik und ihren Problemen.
Toni Innau­er blickt auf die Fens­ter­front hin­ter ihm und erin­nert sich lachend. „Hier haben wir schon mal die Sprung­hö­he aus dem ers­ten Stock getes­tet.“ Der Aus­nah­me-Ath­let kam mit 13 Jah­ren in das zum Klos­ter gehö­ren­de Schi­gym­na­si­um Stams und teil­te sich „mit fünf Jungs ein Zim­mer“ im Inter­nat. „Mein Zeug­nis ließ beim Betra­gen und in Reli­gi­on, wo ich eine Vier hat­te, zu wün­schen übrig, aber ich woll­te ein guter Sport­ler wer­den und im noch recht jun­gen Schi­gym­na­si­um hat­te ich tol­le Trai­ner in Aus­sicht.“ Die Dimen­si­on des Stif­tes und die Grö­ße der Anla­ge über­wäl­tig­ten den ange­hen­den Inter­nats­schü­ler. „Ich hät­te es damals nicht beschrei­ben kön­nen, aber das Flair des Klos­ters hat mich in sei­nen Bann gezo­gen“, so der Ski-Star im Rückblick.

Flucht vor der Öffentlichkeit

Die Trai­nings-Erfol­ge stell­ten sich rasch ein. Bereits als 15-Jäh­ri­ger star­te­te Toni Innau­er bei einer Welt­meis­ter­schaft. Er wur­de zwei­mal Junio­ren-Euro­pa­meis­ter, gewann mit gera­de ein­mal 17 Jah­ren die Sil­ber­me­dail­le bei den Olym­pi­schen Spie­len und stell­te zwei Welt­re­kor­de auf. Legen­där ist ein Flug über 168 Meter, für den er als ers­ter Ski­sprin­ger in der Geschich­te von allen fünf Sprung­rich­tern die Best­no­te 20 erhielt – eine Leis­tung, die bis heu­te nur sechs wei­te­re Ath­le­ten geschafft haben. „Ich war mit 15 plötz­lich in der Welt­klas­se und sehr bekannt, das Inter­es­se der Medi­en und der Öffent­lich­keit rie­sig und ich damit ziem­lich über­for­dert. Stams war für mich in die­ser Zeit eine Erho­lung von der lau­ten Welt, die Klos­ter­mau­ern boten einen Rück­zugs­ort, Schutz und Raum zum Ein­keh­ren“, erzählt Innau­er. „Des­halb bin ich hier sehr ger­ne zur Schu­le gegan­gen und habe trotz der gro­ßen Belas­tung als Pro­fi­sport­ler die Matu­ra, das Abitur gemacht.“

Stams war für mich 
immer ein Rückzugsort, 
der Schutz und Raum zum 
Ein­keh­ren gebo­ten hat.

Intensiver Austausch: Toni Innauer und Klösterreich-Geschäftsführer Manuel Lampe

Inten­si­ver Aus­tausch: Toni Innau­er und Klös­ter­reich-Geschäfts­füh­rer Manu­el Lampe

Nach dem erfolg­rei­chen Schul­ab­schluss hol­te sich Toni Innau­er dann 1980 Olym­pia-Gold und den Welt­meis­ter­ti­tel in Lake Pla­cid und muss­te kurz nach die­sen Höhe­punk­ten sei­ne Kar­rie­re als Akti­ver auf­grund einer schwe­ren Ver­let­zung mit nur 22 Jah­ren been­den. „Das war einer der kri­tischs­ten Momen­te in mei­nem Leben. Von heu­te auf mor­gen habe ich mei­ne Zie­le und Ori­en­tie­rung ver­lo­ren.“ Die gro­ße Bedeu­tung, die in Stams die schu­li­sche Aus­bil­dung hat, ent­pupp­te sich als weg­wei­send für das wei­te­re Leben des Olym­pia­sie­gers. „Ski­sport­li­che Exzel­lenz mit allen päd­ago­gi­schen Rich­tun­gen zu kom­bi­nie­ren, war hier von Anfang an das Ide­al. Das macht Stams zu einem so erfolg­rei­chen Modell, hier herrscht ein völ­lig ande­res Flair als in einer rei­nen Trai­nings­aka­de­mie in einem x‑beliebigen Ski­ort.“ Ange­trie­ben von dem Wunsch, sein Wis­sen über die Bedeu­tung des Leis­tungs­sports und den Stel­len­wert des Erfolgs in der Gesell­schaft zu ver­tie­fen, stu­dier­te Toni Innau­er Phi­lo­so­phie, Psy­cho­lo­gie und Sport.

Und er kehr­te wie­der nach Stams zurück, die­ses Mal selbst als Leh­rer in dem mitt­ler­wei­le – auch durch ihn – welt­be­kann­ten Schi­gym­na­si­um. „Ich leg­te mei­ne zwei­te Rei­fe­prü­fung ab, als Trai­ner. Zehn Jah­re zuvor war ich im Ost­turm des Stif­tes zur münd­li­chen Matu­ra ange­tre­ten. Im male­ri­schen Innen­hof ver­such­te ich mit Spa­zier­gän­gen mei­ne Ner­vo­si­tät genau­so in den Griff zu bekom­men, wie ich das für die Vor­be­rei­tung auf gro­ße Wett­kämp­fe gelernt hat­te. Tat­säch­lich mach­te sich etwas Beru­hi­gen­des bemerk­bar: Inner­halb der meter­di­cken Mau­ern von Stams ist eine jahr­hun­der­te­al­te Kul­tur­ge­schich­te all­ge­gen­wär­tig. Sie rela­ti­viert – damals wie heu­te – wohl­tu­end die Bedeu­tung per­sön­li­cher Her­aus­for­de­run­gen. In der geschicht­li­chen Ein­ord­nung sind die indi­vi­du­el­len Befind­lich­kei­ten eher unwich­tig“, erläu­tert Toni Innau­er die Wir­kung des Klosters.

Im Klos­ter und im 
Sport lebt man für 
ein höhe­res Ziel.

Den eigenen Fokus finden

Der heu­te 61-Jäh­ri­ge sieht eini­ge Par­al­le­len zwi­schen dem Spit­zen­sport und dem klös­ter­li­chen Leben und die Ent­fal­tung sei­ner Per­sön­lich­keit stark durch Stams geprägt. „Idea­le spie­len in der Reli­gi­on und im Sport eine gro­ße Rol­le. Zu mei­ner Zeit war der Spit­zen­sport noch nicht so kom­mer­zia­li­siert wie heu­te. Wir haben das damals gemacht, weil es eine gran­dio­se Auf­ga­be war, die wir von innen her­aus gespürt haben. Wir woll­ten uns ver­fei­nern, nicht nur kör­per­lich als Sport­ler, son­dern auch geis­tig rei­fen. Aus dem Unter­richt, in dem wir unter ande­rem Her­mann Hes­se gele­sen haben, und dem Kon­takt zu den Patres, die eine Aura aus­strah­len, ist für mich ein Kon­glo­me­rat einer geis­ti­gen Welt ent­stan­den. Der domi­nan­te Bau des Stif­tes Stams, das alles beherr­schen­de Klos­ter mit sei­ner beein­dru­cken­den Archi­tek­tur, der Geist, der hier herrscht, tra­gen dazu bei, den eige­nen Fokus zu fin­den. Im Leis­tungs­sport lebt man für eine höhe­re Sache, trai­niert für ein tol­les Ziel, ver­sucht, das Opti­mum aus sei­nem Talent her­aus­zu­ho­len – ohne dabei in Ego­zen­trik zu ver­fal­len. Die­se Aske­se, das Trans­for­mie­ren des Selbst in eine höhe­re Form gibt es auch in allen Orden. Inne­re Ein­kehr und Medi­ta­ti­on kom­men in bei­den Wel­ten vor. In Stams habe ich mei­nen ers­ten Kurs in auto­ge­nem Trai­ning erlebt – ein Modul, das ich seit­dem für mich nutze.“

 

Ein Dilem­ma unse­rer Zeit ist für Toni Innau­er die Erfolgs­ge­sell­schaft, die oft fälsch­li­cher­wei­se mit einer Leis­tungs­ge­sell­schaft gleich­ge­setzt wird. Für den Ex-Pro­fi­sport­ler, der mit sei­ner Agen­tur Unter­neh­men und Sportler­Innen berät und beglei­tet, sind dies jedoch zwei völ­lig unter­schied­li­che Ansät­ze. „Eine Erfolgs­ge­sell­schaft neigt dazu, alles zu insze­nie­ren, zu kom­mer­zia­li­sie­ren und die Außen­dar­stel­lung zu opti­mie­ren. Wer Erfolg hat, wird bewun­dert, den fragt man nicht mehr, wie er dazu gekom­men ist, obwohl es vie­le Wege zum Erfolg gibt – unter ande­rem durch Glück, Frech­heit, Betrug oder Leis­tung. Das pas­siert in einer Erfolgs­ge­sell­schaft. Hier könn­te der Spit­zen­sport anset­zen und einen Bei­trag lie­fern, neue Spiel­re­geln und Grund­prin­zi­pi­en schaf­fen wie man in einem Kon­kur­renz­raum fair mit­ein­an­der umgeht und sich Leis­tung lohnt. Momen­tan sind alle nur auf kurz­fris­ti­ge Erfol­ge aus­ge­rich­tet. In einer idea­len Welt hat jeder Chan­cen­gleich­heit und Mög­lich­kei­ten, es geht fair zu – nicht nur im Sport, son­dern auch in der Poli­tik, Wirt­schaft und Gesellschaft.“

Ruhe-Oase hin­ter meter­di­cken Mau­ern: „Ange­sichts der jahr­hun­der­te­al­ten Kul­tur­ge­schich­te rela­ti­vie­ren sich indi­vi­du­el­le Befindlichkeiten.“

Konzentration auf das Wesentliche

Einen Gegen­pol zur schnell­le­bi­gen Zeit, in der äuße­re Fak­to­ren stän­dig für Ablen­kung sor­gen, die sozia­len Medi­en vehe­ment Auf­merk­sam­keit ver­lan­gen und vie­les ober­fläch­lich betrach­tet wird, stellt für Toni Innau­er das Klos­ter dar. „Wenn Mana­ge­rIn­nen im Klos­ter bewusst ihre Mobil­te­le­fo­ne und Lap­tops abge­ben, um zu sehen, ob sie über­haupt noch Luft bekom­men, wenn sie nicht mehr online sind, ist das ein Umstei­gen in eine ande­re Welt. Sie nut­zen die­se Ange­bo­te, um bewusst zu redu­zie­ren und run­ter­zu­fah­ren. Selbst­be­stim­mung, Eigen­ver­ant­wor­tung und Urteils­ver­mö­gen schärft man nicht, indem man auf noch mehr Web­sites surft, son­dern durch die Kon­zen­tra­ti­on auf das Wesent­li­che, die man im Klos­ter ler­nen kann. Das sind auch beim Sport ent­schei­den­de Punk­te, die nicht ein­fach ver­ab­reicht wer­den kön­nen, son­dern zu denen man durch einen Pro­zess, der mit Bil­dung und Dis­zi­plin zu tun hat, gelangt. Dafür ist das Klos­ter ein Symbol.“