Die Weine der Chorherren - Klösterreich

Die Weine der Chorherren

Genuss

Die Weine der Chorherren

Seit seiner Gründung im Jahr 1114 betreibt das Stift Klosterneuburg Weinbau und ist damit eines der ältesten Weingüter der Welt.

Es scheint, als würden Tausen­de Menschen in vielen Reihen Hand in Hand nebeneinander­stehen – wer an den Wein­gärten entlang auf Stift Klosterneuburg zufährt, den heißen die Reben willkommen. Zu jeder Jahreszeit, im Winter kahl und bescheiden, im Frühling mit frischem Grün, im Sommer im kräftig dunklen Kleid und im Herbst goldgelb leuchtend. So untrennbar wie die Rebstöcke wirken, so eng verbunden sind das Kloster und der Weinanbau und beide blicken bereits auf eine mehr als 900-jährige Geschichte zurück.

Das Hochzeitsfest war in vollem Gange, als ein Windstoß den Brautschleier der Agnes verwehte. Neun Jahre später entdeckte ihn ihr Mann, Markgraf Leopold III., unversehrt in einem Holunderbusch und ließ an dieser Stelle den Grundstein für Stift Klosterneuburg legen. – So die Legende zur Gründung des Klosters, in dessen Schatzkammer der Schleier besichtigt werden kann – ein zartes Stück Stoff mit Flechtspitze und Goldplättchen, das wissenschaftlich untersucht und in das 12. Jahrhundert datiert wurde. Leopold holte die Augustiner Chorherren, zu dieser Zeit der modernste Orden der römisch-katholischen Kirche, nach Klosterneuburg und übertrug ihnen neben der Seelsorge auch wissenschaftliche und wirtschaftliche Aufgaben, zu denen auch der Weinanbau gehörte.

Mittlerweile zählt das Weingut mit rund 30 MitarbeiterInnen und zahlreichen Saisonarbeitskräften zu den Wirtschaftsbetrieben des Klosters, die mit ihren verschiedenen Geschäftsfeldern die ökonomische Grundlage für den Betrieb und die Erhaltung des Stiftes schaffen. Mit einer Rebfläche von 108 Hektar zählt es zu den größten und renommiertesten Weingütern Österreichs. „Wir arbeiten unter dem wachsamen Auge der Chorherren, die ein großes Interesse am Weingut haben“, erzählt Weingutsleiter Dr. Wolfgang Hamm. „Jeden Montag gibt es beispielsweise eine Besprechung und im Frühjahr steht der wichtigste Termin des Jahres an, dann werden die neuen Weine dem Konvent präsentiert.“

Der wohlschmeckende Rebensaft war und ist eine der wichtigsten Einnahmequellen des Klosters. „Im Mittelalter war der Wein ein noch viel wertvolleres Gut als heute“, erläutert Dr. Hamm. „Er diente nicht nur liturgischen Zwecken und dem Eigenbedarf, sondern wurde auch an die Königshäuser verkauft. Im Archiv finden sich viele Rechnungen – vom Wiener Hof bis zum Zaren von Russland.“ Heute hat der Export in die europäischen Länder sowie nach Kanada, Japan und China ebenfalls eine große Bedeutung. Eine Vielzahl an Goldmedaillen sowie Bestnoten bei Bewertungen und in Wein-Guides zeugen von der hohen Qualität der Weine.

Pionier des Weinbaus

Unter der Ägide der Augustiner Chorherren entwickelte sich das Weingut zu einem Pionier des Weinbaus in Österreich. Dem 48. Propst von Stift Klosterburg, Christoph II. Mathäi, der sich intensiv mit dem Weinbau befasste, ist es zu verdanken, dass die Weingärten nach den Türkenkriegen wieder rekultiviert wurden. Einer seiner Nachfolger ließ die leerstehende Kirche der Chorfrauen als Presshaus umfunktionieren – seit 1722 entstehen und reifen die Weine in einem ehemaligen Gotteshaus. Bereits im Jahr 1860 wurde durch die Initiative der Priestergemeinschaft die erste Weinbauschule der Welt in Klosterneuburg gegründet, die bis heute eine wertvolle Institution in Forschung und Lehre ist.

Bei der Rebe ist wie beim
Menschen die Balance entscheidend –
sie wird krank, wenn sie überfordert,
aber auch, wenn sie unterfordert ist.

Auch eine neue Rebsorte haben die Augustiner Chorherren in Österreich eingeführt: den St. Laurent. Sie brachten die ersten Stöcke aus dem Elsass mit und pflanzten sie in Klosterneuburg aus. „Prof. Fritz Zweigelt entwickelte 1922 aus dem St. Laurent und dem Blaufränkischen den nach ihm benannten Wein, der heute die wichtigste rote Rebsorte unseres Landes ist“, so der Weingutsleiter. „Der Zweigelt hat also ebenso einen direkten Bezug zu Stift Klosterneuburg.“

Bei den Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz ist das klösterliche Weingut ebenfalls ein Vorreiter. Mit einer eindrucksvollen unterirdischen Biomasse-Anlage und dem schonenden Umgang mit Ressourcen sowie dem Arbeiten in möglichst geschlossenen Kreisläufen ist das Weingut seit 2009 als klimaneutral zertifiziert. Das hauseigene Biomasse-Kraftwerk versorgt nicht nur Stift und Weingut mit Energie, sondern liefert noch zahlreichen örtlichen Unternehmen Nahwärme

Weinbau-Tradition seit 900 Jahren

Handarbeit und Wissen

Trotz aller modernen Hilfsmittel sind in den Weingärten vor allem viel Handarbeit, Sorgfalt und Erfahrung wesentlich. Zu Beginn des Jahres, im Januar und Februar, steht der Rebschnitt im Mittelpunkt. Die Weinstöcke werden auf einen Trieb zurückgeschnitten. „Je nachdem, wie viele Knospen am Rebstock bleiben, entscheidet man über den späteren Ertrag“, gibt Dr. Hamm Auskunft. „Hier ist die Ausgewogenheit wichtig. Wie beim Menschen darf man die Rebe nicht über-, aber auch nicht unterfordern, denn beides macht sie krank. Schneidet man beispielsweise zu viel weg, steckt der Stock seine gesamte Kraft in einige wenige Trauben, die Beeren werden sehr groß, darunter leidet die Qualität.“

Mit der Zeit werden die nachwachsenden Triebe am Draht festgebunden und die optimale Struktur der Laubwand geschaffen. „Dabei ist ebenfalls wieder die Balance wichtig. Jedes einzelne Blatt soll genug Licht bekommen, die Traubenzone gut durchlüftet werden.“ Im Laufe der Monate müssen immer wieder Triebe manuell geschnitten oder einzelne Trauben entfernt werden. Zwischen den Reben sorgt ein Mix aus verschiedensten Pflanzen dafür, dass die feine fruchtbare Erde im Weingarten bleibt und Insekten angelockt werden. Regelmäßige Analysen der Böden kontrollieren das Nährstoffangebot. „Unser Ziel ist es, dass die Rebstöcke möglichst tief wurzeln“, so der Wein-Experte. „Das macht sie zum einen gegenüber Trockenheit widerstandsfähiger, zum anderen erhalten die Trauben dadurch die Mineralstoffe der verschiedenen Schichten. Die Beschaffenheit des Bodens und das Wetter entscheiden, ob es ein großer Wein wird.“

Eine der größten Gefahren für die Reben ist mit der Klimaveränderung verbunden, einem Thema, mit dem man sich in Klosterneuburg bereits seit mehr als einem Jahrzehnt beschäftigt: „Die klaren Muster der Jahreszeiten lösen sich auf und extreme Wetterereignisse nehmen zu“, meint Dr. Wolfgang Hamm. „Wenn die Rebstöcke frühzeitig austreiben und dann nochmals ein Frost kommt, haben wir keine Möglichkeit, der Pflanze zu helfen, dann ist die ganze Mühe umsonst. Das wird eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahre werden.“

Hightech im historischen Gewölbe

Die schönste, aber auch anstrengendste Zeit für den Weingutsleiter und sein Team ist der Herbst, wenn sie das Ergebnis ihrer Arbeit ernten. Bei der Lese und Weiterverarbeitung der Trauben wird ebenso viel Fingerspitzengefühl an den Tag gelegt wie bei den Schritten zuvor: die Früchte werden von Hand geerntet und in kleinen Kisten ins Presshaus gebracht. Im einzigartigen Ambiente der ehemaligen Kirche macht sich der Rebensaft auf seinen Weg zum köstlichen Getränk. In den riesigen barocken Kellergewölben sorgen modernste Geräte für die individuell für jede Sorte optimierte Verarbeitung.

Die barocken Keller­gewölbe können bei Führungen und Veranstaltungen rund um den Wein besucht werden.

Wer auf eine Weinkeller-Tour in Stift Klosterneuburg geht, muss tief in die Gewölbe hinabsteigen. Überdimensional breite Treppen führen vier Etagen nach unten. 36 Meter unter dem Stiftsplatz, umgeben von neun Meter dicken Mauern ruhen im Barrique-Keller die großen Rotweine des Stifts. Gegenüber den Ausmaßen dieser historischen Kelleranlage wirken die 225-Liter-Fässer zierlich, wie in einem riesigen Tunnel kommt sich der Besucher winzig vor. Das Faszinierendes ist jedoch die saubere klare Luft. „Wir haben hier ein natürliches Lüftungssystem“, erläutert Dr. Hamm. „Nach zweieinhalb Metern Mauer, gibt es einen Hohlraum, der bis zu den Kaiserappartements im Stift führt, dadurch beträgt die Temperatur hier unten das ganze Jahr über konstant 13 Grad. Dieses System läuft ohne Energieaufwand, wartungsfrei seit 300 Jahren. Als wir vor einiger Zeit in einem erweiterten Teil ebenfalls diese Methode einführen wollten, konnte uns kein Experte sagen, wie man dies zustande bringt. Das Wissen ist leider verloren gegangen und wir mussten eine moderne Klimaanlage einbauen lassen.“

Gerettet wurde – dank des Weines – glücklicherweise eines der bedeutendsten Kunstwerke des Mittelalters: der Verduner Altar. Filigrane Figuren erzählen auf 51 Tafeln in glänzendem Gold auf blauem Grund Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament – ein Meisterwerk, an dem der Goldschmied Nikolaus von Verdun ein Jahrzehnt lang arbeitete. 1330 drohte der weltweit einzigartige Altar ein Raub der Flammen zu werden. Als das Löschwasser ausging, tränkte man Tücher mit Wein, breitete sie über die Emailtafeln in der Kirche und schützte so ein wertvolles Kulturgut, das heute noch im Stift Klosterneuburg bewundert werden kann.