Der ideale Ort, um Stress abzubauen - Klösterreich
 

Der ideale Ort, um Stress abzubauen

Persönlich

Der ideale Ort, um Stress abzubauen

Seit einem einschneidenden Erlebnis verbringt Dr. Renate Pilz aus St. Florian regelmäßig einige Tage im Kloster, beispielsweise in den Klösterreich-Stiften Seitenstetten und Zwettl. Wir sprachen mit der wissenschaftlichen Referentin.

Wie ist es zu Ihrem ersten Klosteraufenthalt gekommen und wie waren
Ihre Eindrücke?
Meinen ersten Aufenthalt in einem Kloster verbrachte ich 2003 zu Silvester im oberösterreichischen Maria Puchheim. Das Angebot zu diesen Einkehrtagen hatte ich zufällig in der Adventszeit in einer Broschüre gelesen. Da ich ohnehin neue Erfahrungen sammeln wollte, beschloss ich mit meinen 34 Jahren, einmal Silvester im Kloster zu verbringen, ohne zu wissen, was mich erwartet.

In Erinnerung habe ich die auffallend vorherrschende Stille im Kloster. Fasziniert war ich von der imposanten Kloster­architektur. Wir waren eine kleine Gruppe unterschiedlichen Alters, die spirituell vom mittlerweile verstorbenen Pater Feri Schermann vom Kloster Katzelsdorf in das Neue Jahr begleitet wurde. Ein besonderes Erlebnis ist wahrscheinlich ausschlaggebend für meine weiteren Klosteraufenthalte: In der Silvesternacht feierten wir in der Klosterkapelle eine Messe – nur die kleine Gästeschar und Pater Feri. Kurz vor Mitternacht hörte man dann die ersten Knallkörper, die Silvesterraketen leuchteten durch die Klosterfenster und schließlich begannen die Kirchenglocken das Neue Jahr einzuläuten. Eine tiefe Traurigkeit überkam mich, denn ich dachte, meine Familie und alle anderen feiern beschwingt und fröhlich ins Neue Jahr und ich sitze mit fremden Leuten in der Klosterkirche bei einer Messe. Nach der Messe stießen wir auch mit einem Glas Sekt auf das Neue Jahr an und genossen selbstgemachte Kekse aus der Klosterküche. Aber diese Ausgelassenheit zu Silvester – wie ich sie sonst kannte – war nicht vorhanden. Am Morgen wachte ich schon früh auf, es hatte ein wenig geschneit und bis zum Frühstück war noch Zeit. So beschloss ich, im verschneiten Klostergarten einen Spaziergang zu machen. Ich war ganz allein, rund um mich war es still, nur meine Schritte im Schnee hörte ich knirschen. Ich spürte die kalte Winterluft und atmete tief ein. Plötzlich empfand ich eine große Zufriedenheit und Dankbarkeit, dass ich den ersten Tag im Neuen Jahr in dieser Frische und Klarheit beginnen konnte. Seither schätze ich die Besonderheit, im Kloster das alte Jahr zurückzulassen und mit Gottes Segen ins Neue Jahr zu gehen.

Was macht einen Aufenthalt in einem Kloster so besonders für Sie?

Für mich ist das Kloster der ideale Ort, um Stress abzubauen. Man wird beinahe gezwungen, langsamer und leiser zu treten, denn man will die Stille nicht stören, die überall in den Klostergängen vorherrscht. Die vielen Annehmlichkeiten, die in einem guten Hotel angeboten werden, gibt es in einem Kloster verständlicherweise nicht. Die Klosterküche zum Beispiel schmeckt hervorragend, aber die große Vielfalt wie in einem Vier-Sterne-Hotel wird nicht angeboten, weshalb man umso bewusster die Mahlzeiten genießt. Der Gast wird eingeladen, durch die wunderbar angelegten Klostergärten zu spazieren, in der Natur innezuhalten und die Ruhe zu genießen. Da ich es gewöhnt bin, mich regelmäßig sportlich zu betätigen, ist meine Joggingkleidung immer eingepackt, um bei Schönwetter die Gegend um das Kloster laufend zu erkunden.

Plötzlich empfand ich eine große
Zufriedenheit und Dankbarkeit,
dass ich den ersten Tag im Neuen Jahr
in dieser Frische und Klarheit beginnen konnte.

Wo sind die Unterschiede zu anderen Urlaubsformen?

Stress abbauen kann man natürlich auch bei einem Wellness-Urlaub oder ­einer Kultur- oder Wanderreise. Aber der große Unterschied zu einem Klosteraufenthalt besteht für mich darin, dass die spirituelle Erfahrung und die Auseinandersetzung mit Gott und dem Glauben im Vordergrund stehen. Je nach Angebot gibt es die Möglichkeit, mit Gleichgesinnten in geistlicher Begleitung aktuelle Themen zu diskutieren. Anhand von Impulsreferaten wird die Auferstehung zu Ostern oder der Jahreswechsel wesentlich tiefsinniger und bewusster erlebt. Einzigartig ist auch die Möglichkeit der Teilnahme am Chorgebet der Ordensleute am Morgen, Mittag und Abend – das sollte der Klostergast nicht versäumen.
Andererseits ist das Klostergebäude selbst etwas Außergewöhnliches und Einzigartiges aufgrund der historischen, kunst- und kulturgeschichtlichen sowie wirtschaftlichen Bedeutung. Wenn man sich mit der Entstehungsgeschichte eines Klosters auseinandersetzt, bedeutet das zugleich wiederum ein Eintauchen in den christlichen Glauben.

Frische und Klarheit: Renate Pilz liebt es, im Stift Seitenstetten ins Neue Jahr zu starten.

Was nehmen Sie von den Aufenthalten mit in Ihren Alltag?

Für mich macht der regelmäßige Klosteraufenthalt vor allem Sinn, um spirituell zu wachsen, Kraft zu schöpfen und danach zu trachten, Werte wie Nächstenliebe, Versöhnung, Verzeihung, Hoffnung usw. im Alltag zu leben – ich versuche es zumindest in kleinen Schritten. Dazu ist für mich die spirituelle Begleitung durch Menschen wichtig, die selbst im christlichen Glauben leben und zugleich eine fundierte Ausbildung haben. Mittlerweile sind die Aufenthalte ein wichtiger Bestandteil auf meinem Lebensweg geworden, denn sie geben mir Orientierung und Antworten auf Fragen im religiösen, aber auch gesellschaftlichen Kontext. Ich habe neben den regelmäßigen Messbesuchen darüber hinaus begonnen, an den Bibelrunden in meinem Heimatort St. Florian teilzunehmen. Ein Zitat von unserem Alt-Pfarrer Rupert Baumgartner aus St. Florian bringt meine Überzeugung auf den Punkt: „Wir müssen uns Zeit nehmen auch für Gott. Wenn wir daran glauben, dass Gott Sinn und Ziel unseres Lebens ist, dann dürfen wir Gott nicht an den Rand des Lebens drängen.“ Ich denke, dass sich aufgrund der Klosteraufenthalte meine Einstellungen und mein Leben im Glauben nicht nur verändert, sondern auch erweitert haben. Denn während meiner Kindheit war es in meiner Familie nicht üblich in die Kirche zu gehen, gemeinsam gebetet wurde nur während der Weihnachtszeit.

Regelmäßig im Kloster zu Gast: Dr. Renate Pilz

Was können Sie anderen Menschen, die einen Aufenthalt in einem Kloster planen, raten?

Ob der Klosteraufenthalt als Individualgast oder als Gast in einer Gruppe (z.B. bei Einkehrtagen) gebucht wird, ist meines Erachtens unbedeutend. Ich kann nur aus eigener Erfahrung allgemein mitgeben, in das Kloster ohne Erwartungen zu kommen. Ein Tipp von mir ist, sich auf das Abenteuer „Kloster“ einzulassen: die imposante Architektur auf sich wirken zu lassen, einzutauchen in die spirituelle Umgebung, durchatmen und Kraft tanken sowie versuchen, den Alltag loszulassen. Bewusstmachen, dass man sich in einem Gebäude aufhält, das einen großen historischen „Schatz“ bis ins Mittelalter zurück beherbergt. Jeder Gast soll für sich entscheiden, ob er bzw. sie sich in die Einsamkeit zurückzieht und die Ruhe genießen will oder die Gesellschaft mit anderen Gästen möchte. Noch ein Tipp: Im Winter warme Kleidung anziehen, denn in den Klostergängen ist es kalt – nicht die Gästezimmer, die werden sehr gut geheizt.